Gründung BW
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06.05.2016
ZEW-Studie: Venture Capital in Baden-Württemberg entwickelt sich positiv

Venture Capital ist kein Massenprodukt zur Finanzierung von jungen Unternehmen. Art und Volumen des Venture-Capital-Angebots muss immer im Kontext des gesamten Finanzierungsangebots eines Bundeslands gesehen werden: Gibt es wie in Baden-Württemberg gute Finanzierungsalternativen für Start-ups, kann das Fehlen von Wagnis­kapital zum Teil ausgeglichen werden. Die ZEW-Studie analysiert erst­mals umfangreich das Venture-Capital-Angebot in Baden-Württemberg und wirft einen Blick auf die Hintergründe.

Die Grundrichtung stimmt: Baden-Württembergs Markt für Venture Capital wächst wieder – vor allem die größeren Deals für Wachstumsunternehmen entwickeln sich gut. Die neue ZEW-Studie stellt der aktuellen Entwicklung in Baden-Württemberg ein gutes Zeugnis aus. Die L-Bank als Förderbank des Landes hat sich auf dieses Wachstums-Venture-Capital ausgerichtet und bereits im vergangenen Jahr den Investitionsrahmen ihres dafür vorgesehenen VC Portfolios von 50 auf 100 Mio. Euro verdoppelt. „Mit der größeren Schlagkraft können wir die Unternehmen in der erfolgskritischen Wachstumsphase noch effektiver unterstützen“, sagt Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank. „Die Studie und die Nachfrage nach unserem VC bestärken uns, die Aufstockung hat sich als richtiger Schritt zur rechten Zeit erwiesen. Alleine im Jahr 2015 konnten wir rund 15 Mio. Euro Venture Capital neu vergeben.“ Dr. Georg Licht, wissenschaftlicher Leiter der ZEW-Studie zum Wagniskapitalangebot in Baden-Württemberg: „Die von der L-Bank investierten 15 Mio. Euro waren eine wesentliche Unterstützung für das Marktsegment der mittelgroßen Deals in Baden-Württemberg. Sie trägt mit dazu bei, dass sich dieses Segment in Baden-Württemberg weit positiver entwickelte als andere Markt­segmente.“

Die Sicherung der Finanzierung stellt für junge Unternehmen eines der wichtigen Hindernisse auf dem Weg in den Markt dar. Ist die Hürde „Gründung“ übersprungen, kann die überwiegende Anzahl von Gründungen bereits sehr schnell nach dem Markteintritt Erlöse erzielen. Zusammen mit den privaten Mitteln der Gründer ist so die Finanzierung der ersten Lebensphase des neu gegründeten Unternehmens gesichert. „Rund 93 Prozent des gesamten Finanzierungsvolumens der Unter­nehmen der Gründungsjahrgänge 2011 bis 2014 wurden so bestritten. Eine Finanzierung über Beteiligungs- oder Risiko­kapital oder durch Business Angels wird nur von einer sehr kleinen Anzahl von jungen Unternehmen in Anspruch genommen“, verdeutlicht Licht. „Im Jahr 2014 waren dies etwa drei Prozent der in den Jahren 2011 bis 2014 gegründeten Unternehmen.“ Die entsprechenden Finanzierungen machten nach den Angaben der am Mannheimer Gründungspanel teilnehmenden Unternehmen knapp ein Prozent des gesamten Finanzierungsbedarfs dieser Unternehmen in 2014 aus.

Der Trend beim Venture-Capital-Angebot ist positiv. Für die letzten fünf Jahre ist ein deutlicher Anstieg des Volumens der Wagniskapital­investitionen in deutsche Unternehmen zu verzeichnen. „Dabei ist Baden-Württemberg neben Berlin das einzige Bundesland, in dem im Zeitraum 2011 bis 2014 das Niveau der VC-Investitionen vor der Krise 2009/2010 übertroffen werden konnte“, resü­miert Licht. „Das lag insbesondere am Segment mittelgroßer VC-Beteiligungen, einem Marktsegment in dem auch die L-Bank stark engagiert ist.“ Die absolute Anzahl aller Transaktionen ist im Studienzeitraum hingegen rückläufig.

Die Komplexität des VC-Marktes ist gewachsen. Die zunehmend größeren Engagements führen dazu, dass Ko-Investitionen an Bedeutung gewinnen. Die Transaktionen werden häufiger von mehreren Investorentypen durchgeführt. Zu beobachten sind neue Anbieter jenseits des harten Kerns von öffentlichen und privaten Risikokapital­investoren. Zu den neuen Spielern, die wesentliche Teile von VC-Transaktionen bestreiten zählen Business Angels, Corporate Venture Capital-Geber, Vermögensverwaltungen oder Unternehmen, die bislang nur im Marktsegment des nicht-börsennotierten Mittelstands unterwegs waren. Durch die Studie wurden 573 am Markt aktive Wagniskapital­anbieter, davon 60 in Baden-Württemberg ansässige Anbieter identifiziert. Damit diese sich vernetzen können, schaffen regionale Plattformen wie VC-BW und Veranstaltungen wie der VC-Pitch BW die notwendige Transparenz und dienen als Kontaktforen zur Anbahnung von partnerschaftlichen Engagements.

Die regionale Nutzung von VC ist unterschiedlich. Seit 2001 wurden fast 7.800 VC-Investitionen in Unternehmen mit Sitz in Deutschland getätigt. Rund neun Prozent oder etwa 600 Wagniskapitalbeteiligungen gingen davon an Unternehmen in Baden-Württemberg. Der Anteil von VC-finanzierten Unter­nehmen an den Gründungen ist damit in Baden-Württemberg im Bundesländer­vergleich vergleichsweise niedrig.

Das gesamte Finanzierungsökosystem entscheidet über die Nutzung des VC-Angebots: Venture Credit statt Venture Capital. 

Gemessen an der Zahl der neuen Unternehmen, ist beispielsweise in der Hightech-Industrie und im Softwarebereich der Anteil der VC-finanzierten Unternehmen in Berlin sechsmal so hoch wie in Baden-Württemberg. In Bayern kommt VC in der Hightech-Industrie knapp viermal so häufig und bei den Softwareanbietern doppelt so häufig zum Einsatz wie in Baden-Württemberg. In Baden-Württemberg wird dies vielfach auf eine Angebotslücke gerade an niederschwelligem Früh-Phasen-VC zurückgeführt – auch die ZEW-Studie zeigt diese Lücke für die vergangenen Jahre. Allerdings sind bei der Gründungs­intensität durchaus positive Tendenzen erkennbar und die Überlebensrate der Gründungen in Baden-Württemberg ist deutlich überdurchschnittlich. Das weist auf Besonderheiten baden-württembergischen Finanzierungs­marktes hin. „Das Förderdarlehenssystem in Baden-Württemberg, getragen durch die L-Bank und die Bürgschaftsbank, ist so stark wie in keinem anderen Bundesland. Der hohe Bürgschaftsanteil, der zum Beispiel bei der ‚Startfinanzierung 80‘ an unsere Förderdarlehen gekoppelt ist, wirkt im kleinvolumigen Bereich wie eine Art ‚Venture Credit‘. Die öffentlichen Banken tragen hier in erheblichem Maße Gründungsrisiken“, verdeutlicht Nawrath. „Damit kann ein im Vergleich zu anderen Ländern geringeres Angebot an Venture Capital mehr als kompensiert werden. Start-ups haben in Baden-Württemberg gute Finanzierungs­möglichkeiten und tolle Entwicklungsperspektiven.

Die Wünsche der Experten. Bei Wagniskapitalinvestitionen geht es primär darum, qualitativ hochwertige Gründungen mit hohem Wachs­tumspotenzial zu unterstützen und diese im Wachstumsprozess zu begleiten. In den Experteninterviews wurde deutlich, dass in Baden-Württemberg hierbei die Richtung stimmt. Dennoch wünschen sich viele Experten eine weitere Ausweitung des VC-Angebots; dieses wird im Vergleich besonders zu den Vereinigten Staaten immer noch als zu gering eingeschätzt. Um zusätzliche Anreize zu setzen, verwiesen die meisten Experten zudem auf ein breites Spektrum steuerlicher Instrumente, von denen sie sich Wirkungen für das Angebot an großen Beteiligungen erhofften. Nicht zuletzt zeigt die Studie aber auch: Mit Ad-hoc Maßnahmen ist beim Thema Venture Capital wenig zu erreichen. Der notwendige gesellschaftliche und individuelle Wertewandel hin zu einer stärkeren, produktiven Risikokultur ist keine Kurzzeitveranstaltung, sondern bedarf eines langen Atems.

Die vollständige Studie finden Sie zum Download unter www.l-bank.de/Studien >>